Was bewegt Menschen dazu, Kunst zu sammeln? Und welche Wege führen sie dorthin?
In unserer Reihe “Sammler*innen im Gespräch” geben Kunstsammler*innen Einblicke in die persönlichen Geschichten hinter ihren Sammlungen. Was hat ihr Interesse an Kunst geweckt? Welche Werke begleiten sie über Jahre hinweg? Und wie prägen Künstler*innen, gesellschaftliche Entwicklungen und individuelle Lebenswege den Blick auf Kunst und das Sammeln?
Tyrown Vincent sammelt nicht nach Marktlogik, sondern nach innerer Resonanz. Mit „A Private Collection“, der Öffnung seiner Wohnung für hunderte Besucher*innen jährlich und seinem Engagement für die Frankfurter Galerienszene verbindet er Leidenschaft mit Haltung und versteht Sammeln als kulturelle Verantwortung.
Künstler Zuza Krajewska aus der Serie „Imago“
Titel „a break in the gym“, 2016, 2/3 +1 AP
Moab Juniper Baryt Rag Papier, 300 g. Pigmentprint
Größe H 56,00 cm x B 74,00 cm
Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Kunstkauf? Wann wurde aus einem ersten Interesse eine echte Leidenschaft und was fasziniert Sie an Kunst heute sowie damals?
Ich war schon als junger Mensch auf der Suche nach Geschichten, Wissen und Gesprächen mit Menschen. Zuhause durfte ich jederzeit Fragen stellen, und daraus entwickelte sich meine Neugier auf Neues und Unbekanntes. Ich merkte früh, dass mein Blick wanderte, egal wo ich unterwegs war. In Verbindung mit meiner Liebe zum Detail und dem Wunsch, Zusammenhänge zu verstehen, entstand irgendwann das Bedürfnis nach einer Umgebung, die mich inspiriert. So kam die Kunst in mein Leben.
Kaum 16 Jahre alt kaufte ich von meinem Ausbildungsgehalt ein Poster von Salvador Dalí, „Santiago el Grande“. Lange dachte ich, es sei verloren gegangen – bis ich erfuhr, dass meine Mutter es all die Jahre aufbewahrt hatte.
Was mich bis heute fasziniert, ist dieser Moment, wenn ein Werk einen mit voller Wucht trifft und einen inneren Raum berührt, den man vorher vielleicht nicht kannte. Ein Leben ohne diese Energie kann ich mir nicht vorstellen.
Ihre Sammlung A Private Collection vereint Werke unterschiedlicher Epochen und Medien. Nach welchen Kriterien treffen Sie Ihre Entscheidungen – Intuition, Kontext oder langfristige Vision?
Die Grundlage meiner Entscheidungen ist Intuition. Ich frage mich: Was sehe ich und welches Gefühl löst es in mir aus? Lässt es mich nicht mehr los, fordert es mich heraus oder bringt es Klarheit? Das erste Gefühl ist entscheidend.
Jedes Kunstwerk schafft seinen eigenen Kontext im Leben von Sammler*innen, nicht im Sinne eines abstrakten Systems, sondern im Kontext seines Lebens. Wir sind die Summe unserer Erfahrungen und Begegnungen. Wenn zehn Menschen dasselbe Werk besitzen, wird es in jedem von ihnen etwas anderes auslösen, weil jeder Mensch seine eigene Geschichte mitbringt.
Mein langfristiger Wunsch ist es, Arbeiten zu finden, die kraftvoll sind, handwerklich überzeugen und inhaltliche Tiefe besitzen. Wirklich besondere Werke entstehen selten. Sie zu entdecken und zu verstehen, ist für mich ein zentraler Teil des Sammelns.
Künstler Eike König aus der Serie „The kids want communism“
Titel „its easier to imangine the end of the world than the end of capitalism “ 2019
Pigmentdruck auf Papier
Größe H 100 cm x B 70,00 cm
Sie öffnen Ihre private Wohnung regelmäßig für Besucher*innen, jährlich zwischen 400 und 600 Menschen. Wie ist dieses Format entstanden und was begeistert Sie am meisten an all diesen Begegnungen?
Die Idee entstand während meiner Zeit in Miami. Im Rahmen der Art Basel nahm ich an einem Programm teil, das Besuche privater Sammlungen ermöglichte. Besonders beeindruckt haben mich die Offenheit und Herzlichkeit, mit der Sammlerpersönlichkeiten wie Mónica Mora sowie Rosa und Carlos de la Cruz ihre Räume und Gedanken teilten.
Nach meiner Rückkehr erhielt ich zufällig die Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte, meine Wohnung für Besucher zu öffnen. Ziel war es, gesellschaftlichen Austausch zu ermöglichen und Geschichten der Menschen einer Stadt sichtbar zu machen. Ich sagte zu und wir waren überwältigt: Über dreihundert Menschen meldeten sich für ein einziges Wochenende an, obwohl ich in einer Drei-Zimmer-Wohnung lebe.
Bis heute begeistern mich vor allem die Begegnungen mit Menschen vor den Werken. Wenn Gedanken geteilt und Fragen gestellt werden oder Erinnerungen zurückkehren, entsteht ein Dialog, der weit über eine klassische private Sammlung hinausgeht. In diesen Momenten wird Kunst zu einem sozialen Raum – genau das ist für mich der eigentliche Sinn des Sammelns.
Sie sprechen bewusst Menschen aus der gesellschaftlichen Mitte an und engagieren sich im Midmarket-Segment des Kunstmarkts. Warum ist Ihnen dieser Bereich so wichtig?
Ich bin adoptiertes Arbeiterkind. Meine Pflegemutter war Krankenschwester, mein Pflegevater Kfz-Mechaniker. Kunst war bei uns kein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags, aber Neugier und Offenheit. Vielleicht kommt daher mein Wunsch, dass Kunst kein exklusiver Raum bleibt.
Die öffentliche Wahrnehmung konzentriert sich häufig auf Millionenverkäufe und Spitzenwerke. Doch die eigentliche Grundlage des Kunstmarkts liegt meiner Meinung nach im Einstiegs- und Midmarket-Segment. Dort entsteht Breite, neue Sammlerbiografien und neue, langfristige Beziehungen zur Kunst. Vielleicht braucht es sogar eine gewisse „Re-Ästhetisierung“ des Alltags: Kunst kann dabei eine zentrale Rolle spielen – als gesellschaftskulturelle Praxis.
Menschen die Schwellenangst zu nehmen, Galerien zu betreten, Fragen zu stellen und auch selbst zu kaufen, halte ich für eine wichtige Aufgabe – nicht als Investment, sondern als persönliche Entscheidung. Kunst beginnt nicht beim Preis, sondern bei der Idee. Beim Dialog und bei der Auseinandersetzung mit ihr.
“In diesen Momenten wird Kunst zu einem sozialen Raum – genau das ist für mich der eigentliche Sinn des Sammelns.”
Viele Menschen interessieren sich für Kunst, trauen sich aber nicht zu kaufen. Worin sehen Sie die größte Hemmschwelle und wie lässt sie sich überwinden?
Die größte Hemmschwelle ist oft das Gefühl, dass der Weg zur Kunst nicht selbstverständlich oder einladend ist. Für viele wirkt der Kunstmarkt wie ein geschlossener Raum mit eigenen Codes und Regeln.
Deshalb ist es entscheidend, über die verschiedenen „Entry Points“ nachzudenken: Wie begegnen Menschen zum ersten Mal Kunst? Fühlen sie sich willkommen? Verstehen sie die Sprache? Können sie Fragen stellen, ohne Angst zu haben, etwas Falsches zu sagen? Wer zuhört und die Bedürfnisse eines Interessierten erkennt, schafft eine Grundlage für echte Begegnung und Vertrauen. Künstler*innen, Galerien, Messen und auch Städte entwickeln zunehmend ein Bewusstsein dafür, dass Atmosphäre, Storytelling und echte Kommunikation entscheidend sind.
Am Ende kauft niemand Kunst, weil er „muss“.
Sie engagieren sich stark für kulturelle Teilhabe und Diversität im Kunstbetrieb. Was treibt Sie da persönlich an?
Ich bin als Frankfurter mit Migrationshintergrund geboren. Mein Vater hat karibisch-amerikanische Wurzeln, meine Mutter ungarisch-dänische. In meiner Jugend habe ich mich mit dieser Herkunft oft zwischen den Welten gefühlt. Der gesellschaftliche Kontext war damals ein anderer als heute. Diversität war noch kein selbstverständlicher Teil öffentlicher Diskussionen.
Heute lebe ich in einer Stadt mit über 180 Nationen. Das ist eine enorme Chance für künstlerischen und kulturellen Austausch, Brücken zu bauen, wo Worte manchmal nicht ausreichen. Menschen für eine offene, moderne und vielfältige Gesellschaft zu begeistern, in der unterschiedliche Hintergründe nicht trennen, sondern bereichern, das ist mein Antrieb. Kunst kann dabei ein verbindendes Element sein. Sie schafft Räume, in denen Identität nicht abgegrenzt, sondern erweitert wird.
Künstler Selassie
Titel „Workoutplan“ 001, 2021
„Shit don´t change till you get up and wash your ass” (Kendrick Lamar)
Ölstift auf Plexiglass, Holzrahmen
Größe H 120 cm x B 77,00 cm
The Frankfurt Art Experience ist ein stadtweites Format, das Sie selbst ins Leben gerufen haben. Was war der Impuls für dieses Engagement? Ist es ein Liebesbrief an Frankfurt oder ein Weckruf an die Szene?
Das Konzept habe ich ursprünglich selbst entwickelt, aber Erfolg hat immer viele Beteiligte. Durch meinen beruflichen Hintergrund im Event- und Inszenierungsbereich hatte ich ein Gespür dafür, welches Potenzial in der Frankfurter Galerieszene steckt und gleichzeitig das Gefühl, dass diese Stärke nicht ausreichend sichtbar war.
Es war an der Zeit, die Galerien nicht nur als Verkaufsorte, sondern als kulturelle Akteure für eine moderne Stadtgesellschaft zu positionieren. Starke Partner, engagierte Galerien und ein offenes Netzwerk erwiesen sich als wegweisend. Das Format hat international Aufmerksamkeit erzeugt und gezeigt, was möglich ist, wenn Kräfte gebündelt werden. Frankfurt ist eine internationale Wirtschaftsmetropole mit enormer kultureller Energie und diese Energie muss immer wieder neu gebündelt und erzählt werden. Städte wie Frankfurt leben nicht nur von Gebäuden und Wirtschaftskraft, sondern von kultureller Haltung. Eine solche Möglichkeit zur Mitgestaltung in der eigenen Heimatstadt zu haben, ist ein Geschenk, für das ich dankbar bin.
Sie sind als Repräsentant für das „House of Galleries“ aktiv. Welche Ziele verfolgt dieses Netzwerk und welche Bedeutung hat es für die Frankfurter Galerienszene?
Frankfurt verfügt über eine außergewöhnlich starke Kunstinfrastruktur und das in einer vergleichsweise kleinen Großstadt. Internationale Museen mit Weltgeltung wie das MMK oder das Städel, renommierte Ausbildungsstätten wie die Städelschule und die HfG Offenbach, bedeutende Unternehmenssammlungen, dazu inhabergeführte Galerien, Offspaces und Atelierhäuser – all das bildet ein bemerkenswert dichtes kulturelles Ökosystem.
Das „House of Galleries“ bündelt diese Kräfte. Durch kuratorische Qualität, klare Inhalte und abgestimmte Kommunikation entsteht Vertrauen beim Publikum und das zieht Gäste auch weit überregional an. Es geht nicht nur um Präsenz, sondern um Profil: Welche Inhalte vertreten wir? Welche Qualität zeigen wir? Wen wollen wir erreichen?
Das „House of Galleries“ erweitert den Radius überregional und macht neugierig auf Frankfurt als Kunststandort. Für die Frankfurter Galerienszene bedeutet das: mehr Sichtbarkeit, stärkere Vernetzung und eine klare gemeinsame Stimme nach außen. In einem zunehmend fragmentierten Kunstmarkt ist Zusammenarbeit kein Luxus, sondern strategische Notwendigkeit. Qualität wird sichtbarer, wenn sie gemeinsam auftritt.
Künstler Maximilian Prüfer aus der Serie „Fly Behavior“
Titel „La Gionconda 2“, 2019
Fliegenexkremente (Tinte) auf Hadernpapier
Größe H 91,10 cm x B 64,80 cm
Welche Verantwortung tragen Sammler*innen heute, insbesondere in einem zunehmend dynamischen und spekulativen Kunstmarkt? Und wie positioniert sich Frankfurt aus Ihrer Perspektive dabei im Vergleich zu anderen Kunststandorten?
Sammler*innen tragen schon immer Verantwortung unabhängig davon, wie dynamisch oder spekulativ ein Markt gerade ist. Ihre Aufgabe besteht darin, den eigenen Blick zu schärfen und Positionen zu erkennen, die sie für relevant halten, auch dann, wenn Marktmechanismen andere Prioritäten setzen. Entscheidend ist die Motivation.
Echte Sammlungen entstehen aus Entwicklung und Reflexion. Sie sind Momentaufnahmen eines Denkprozesses und spiegeln immer auch die Biografie ihres Sammlers wider.
Frankfurt steht vielleicht weniger im internationalen Rampenlicht als andere Kunstmetropolen, verfügt aber über eine bemerkenswert dichte und qualitativ starke Sammlungslandschaft, sowohl institutionell als auch privat. Viele dieser Sammlungen sind noch zu entdecken.
Der Kunstmarkt ist schneller, digitaler und spekulativer geworden. Wie entzieht man sich diesem Sog oder sollte man das gar nicht?
Ich empfehle grundsätzlich nicht nur Sammler*innen, Entscheidungen mit der nötigen Ruhe zu treffen. Geschwindigkeit ist ein Merkmal unserer Zeit, aber Qualität entsteht selten im Eiltempo.
Gutes Sehen zu lernen und Inhalte zu verstehen braucht Zeit. Wer eine gehaltvolle Sammlung aufbauen möchte, merkt schnell, dass Geschwindigkeit und Spekulation selten zu einer nachhaltigen Strategie passen.
Der Markt kann dynamisch sein, aber die innere Haltung sollte von Überzeugung bestimmt sein.
Künstler Thomas Bayrle
Titel „Anarchy in Construction“, 1971, Edition 19/100,
Druck auf leichtem Karton, 300 g, signiert/datiert
Größe H 66,50 cm x B 58,50 cm
Wenn jemand heute mit dem Sammeln beginnen möchte: Welche drei Ratschläge würden Sie jungen Sammler*innen mit auf den Weg geben?
Eine Sammlung beginnt nicht mit einem Budget, sondern mit einer Haltung.
Erstens: Teuer heißt nicht gleich gut. Preis ist kein Qualitätsmerkmal. Entscheidend ist, ob ein Werk Substanz hat – für Sie persönlich und inhaltlich.
Zweitens: Kaufen Sie nur das, was Sie sich wirklich leisten können. Sammeln sollte Freude machen, nicht Druck erzeugen. Eine gute Sammlung wächst organisch – nicht unter finanzieller Anspannung.
Drittens: Schlafen Sie eine Nacht darüber und hören Sie auf Ihr Bauchgefühl. Wenn ein Werk Sie am nächsten Tag immer noch beschäftigt, ist das ein gutes Zeichen. Intuition ist kein Gegensatz zu Wissen, sie ist oft dessen Essenz.
Copyright Christian Gaier, im Kunstverein Mannheim,
Afrikanische Fang-Ngontang Maske (XIX-XXéme siècle), Tyrown Vincent
courtesy www.a-private-collection.com
„a private collection“, frankfurt – die Sammlung Tyrown Vincent
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