Eine Kunstmesse ist ein Raum verdichteter Wahrnehmung. Wege kreuzen sich, Blickachsen konkurrieren und Aufmerksamkeit verschiebt sich fortwährend. Die diesjährigen Skulpturen Plätze der Art Düsseldorf setzen sich genau damit auseinander. Die ausgewählten Werke stehen nicht nur im Raum, sondern arbeiten mit ihm: Sie unterbrechen Laufwege, bündeln Blicke, öffnen Durchgänge oder stellen sich ihnen in den Weg. Begegnung der Besuchenden mit den Arbeiten geschieht hier nicht aus sicherer Distanz, sondern im Vorbeigehen, Umrunden, Ausweichen oder auch Näherkommen. Skulptur erscheint damit weniger als isoliertes Objekt denn als räumliche Setzung, die den Messebesuch körperlich mitformt.
Connor Crawford, Hardboiled Crime Hater, 2024, Mannequin, micro-controller, speaker, LED, motor, electronics, clothing, briefcase, wig, sunglasses, single channel audio (6 minutes, 33 seconds), 180cm x 70cm x 58cm, Shore Gallery.
Das lässt sich bereits an Arbeiten beobachten, deren Form nicht auf Geschlossenheit oder Masse zielt. Alexandra Searles Swell etwa bleibt nur durch Luftdruck in Form; Stabilität ist hier kein vorausgesetzter Zustand, sondern etwas Vorläufiges. Von dort aus lässt sich auch eine allgemeinere Verschiebung beschreiben: Viele der gezeigten Arbeiten lösen sich von der Vorstellung der Skulptur als kompakter, abgeschlossener Form. Stattdessen entstehen offene Anordnungen, fragile Balancen und Strukturen, in denen Material, Raum und Beziehung ineinander greifen.
Diese Entwicklung betrifft nicht nur die Form, sondern auch den kunsthistorischen Horizont, in dem Skulptur gelesen wird. Lange wurden Dauer, Geschlossenheit und Autonomie als zentrale Qualitäten skulpturaler Praxis genannt. Die hier versammelten Positionen, meist jüngerer Künstler*innen, verschieben diese Gewichtung. Sie setzen häufiger auf Durchlässigkeit oder situative Veränderung. Klassische Materialien und Verfahren bleiben präsent, verlieren jedoch ihren Vorrang als Garanten von Autorität.
Norbert Bisky: Lit j, 2025, Assemblage of found street lights, signage and urban objects, lighting electronics, 238 x 220 x 160 cm
Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin/Paris/Seoul
Photo © Andrea Rossetti
The artist © VG-BildKunst, Bonn 2026
Lucia Kempkes’ Dissolving in Heat verbindet pigmentierte Baumwolle mit verzinktem Stahl und bringt weiche Partien mit einer tragenden Metallstruktur in Spannung. Amélie Esterházys Simulacrum #4 entfaltet seine Präsenz weniger über Ausdehnung und Atmosphäre im Raum. Norbert Biskys Lit j greift Elemente städtischer Infrastruktur auf und überführt Straßenlaternen und Beschilderung in eine übersteigerte Assemblage. Julien Hübschs LOOPS arbeitet mit Bauschuttrutschen und entwickelt daraus eine zirkulierende Form, die an logistische Abläufe und endlose Rückkopplungen erinnert.
Andere Arbeiten verschieben die Grenze zwischen Fläche, Körper und räumlicher Anordnung. Iris Helena Hamers verbindet bedrucktes Aluminium mit geflochtener Angelschnur zu einer Konstruktion, die je nach Standpunkt zwischen Bildträger und skulpturaler Ausdehnung kippt. Juergen Staacks Communication Model 01 nimmt die Form der Telefonzelle auf und überführt ein vertrautes Kommunikationsobjekt in den Messezusammenhang. Jan Albers’ twintwisteR aus Bronze hält den Eindruck einer Verdrehung fest, als wäre Bewegung für einen Moment erstarrt. Thomas Wachholz’ Delta übersetzt das Motiv des Streichholzes in ein dauerhaftes Material, ohne dessen Momenthaftigkeit ganz zu verlieren. Gereon Krebbers’ Fitting wirkt wie ein Gebilde im Übergang: nicht klar Ding, nicht klar Körper, eher eine Form, die sich gerade erst stabilisiert.
© Juergen Staack, Communication Model 01, VG Bild-Kunst, Bonn (2026).
Auch Materialtransformationen treten deutlich hervor. Abdus Salaam arbeitet in Our Last Stone (Marmo III) mit präzise aufeinander bezogenen Marmorelementen, deren Gewicht und Balance so gesetzt sind, dass der Stein fast weich erscheint. Ayaka Terajimas unglasierte Keramiken lenken den Blick auf Übergänge und die Sichtbarkeit des Herstellungsprozesses. Xenia Bonds Butt Sniffers bringen eine spielerische, irritierende Körperlichkeit ins Gelände: hybride Figuren, die zwischen Tierischem, Technischem und Sozialem changieren. Martin Waldes OUT OF THE BLUE TO AN OPEN END funktioniert nicht als in sich ruhendes Einzelwerk, sondern als Arbeit, die sich an architektonische Bedingungen anschließt und sich über diese Beziehung erschließt. Auch Inge Schmidts Schnittstücke greifen ordnende und strukturierende Verfahren auf, ohne in feste Geschlossenheit überzugehen.
Ayaka Terajima: Long Legs Doki, 2024, Unglazed fired ceramic by recycled clay 62 x 100 x 130 cm, Photo credits: Thomas Splett
Courtesy of the artist & nouveaux deuxdeux
Gerade im Rahmen der Messe wird dadurch sichtbar, wie stark die Wirkung dieser Arbeiten von Platzierung, Nachbarschaft und Bewegung abhängt. Die Halle ist kein neutraler Hintergrund, sondern ein durch Blickführung, ökonomische Konzentration und ständige Zirkulation geprägter Handlungsraum. Die kuratorische Setzung der Skulpturenplätze reagiert darauf nicht mit dem Anspruch auf monumentale Behauptung, sondern mit Arbeiten, die Offenheit, Reibung, Maßstabssprünge und instabile Gleichgewichte zulassen. So entsteht ein Gefüge, in dem Skulptur nicht abschließt, sondern Beziehungen sichtbar macht.
Verfasst von Pola van der Hövel, Kuratorin der Sculpture Spots auf dem Messegelände.