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New Energies – Wo Europa beginnt

Ein Rückblick auf die E.ON Foundation Art Talks & Walks der ART Düsseldorf.

Kunstmessen sind Orte der Begegnung. Sie bringen Galerien, Künstler*innen, Sammler*innen und Institutionen zusammen. Gleichzeitig sind sie Orte, an denen sich die Fragen unserer Zeit verdichten. Mit den E.ON Foundation Art Talks & Walks wurde die ART Düsseldorf für drei Tage zu einer Plattform für Austausch, Perspektiven und gesellschaftlichen Dialog.

Unter dem Titel New Energies widmete sich das Programm den Themen, die Kunst und Gesellschaft gleichermaßen bewegen: der gesellschaftlichen Verantwortung von Kunst und Kultur, Europa als gemeinsamem kulturellen Erfahrungsraum sowie den Herausforderungen von Transformation und Nachhaltigkeit im Kunstsystem.

Die drei folgenden Beiträge greifen diese Gespräche auf – nicht als Protokolle, sondern als Annäherungen. Sie führen sie zentrale Gedanken der Diskussionen weiter und machen sichtbar, welche Impulse von den Gesprächen ausgingen.

Ermöglicht wurde das Programm durch die E.ON Foundation. Talks und thematisch kuratierte Art Walks verbanden gesellschaftliche Fragestellungen unmittelbar mit den auf der Messe präsentierten künstlerischen Positionen und machten den Dialog direkt vor den Werken erfahrbar.

Denn eine Kunstmesse ist mehr als ein Marktplatz. Sie ist ein Ort, an dem Ideen entstehen, Positionen aufeinandertreffen und neue Perspektiven eröffnet werden. Die E.ON Foundation Art Talks & Walks verstehen sich als Beitrag zu diesem Dialog, auch über die Messetage hinaus.

Art Walk auf der Art Düsseldorf 2026.

Der Samstag versammelte drei Runden zu Ost und West, Zugehörigkeit und Zensur. Ein Protokoll der Stimmen, nicht der Beschlüsse.

I. Ruinen

Es beginnt mit einer Frage, die wie eine Falle gebaut ist: Ist das Interesse an der Kunst der DDR ein Hype oder eine überfällige Revision? Renate Goldmann, die den Nachlass Sarah Schumanns betreut, erinnert an die Jahre nach dem Mauerfall als eine Zeit, in der sich auf beiden Seiten plötzlich Räume öffneten. Katharina Neuburger von der Ludwig Stiftung verweist auf die kulturpolitische Absicht der Sammlung Ludwig, ostdeutsche Positionen früh mitzudenken, als das noch gegen Widerstände geschah.

Der eigentliche Motor, darin sind sich die drei einig, ist ein Generationswechsel. Wer die DDR nie erlebt hat, betrachtet ihre Kunst ohne das ideologische Vorzeichen — und entdeckt Verwandtschaften zwischen Ost und West, wo frühere Blicke nur Bruch sahen. Der Austausch vor 1989, das wird in Erinnerung gerufen, lief ohnehin selten über staatliche Strukturen. Er lief über Grauzonen, private Netzwerke, einzelne Brückenbauer: Sammler wie das Ehepaar Ludwig, Galerien, die Kunst über die Grenze schmuggelten, weil jemand es persönlich wollte.

Dann fällt ein Beispiel, das die Nostalgie unterläuft. Das geplante Frank-Stella-Museum in Dresden, gescheitert, weil dem Ministerpräsidenten Biedenkopf die Kunst nicht gefiel. Stefan Schmidtke nennt es die „erste schlechte Erfahrung mit der Demokratie”. Ein persönliches Geschmacksurteil verhinderte ein Großprojekt und schadete der Stadt international. Die Runde bleibt nicht in der Feier des Wiedergefundenen stecken. Sie zeigt, dass die Ruinen der Geschichte auch demokratische Ruinen sind.

Art Walk auf der Art Düsseldorf 2026.

II. Position

Die zweite Runde stellt die Frage direkt: Wo fängt Europa an, wo hört es auf? Mark Terkessidis, Autor und Migrationsforscher, gibt das schärfste Bild des Tages. Die großen Kulturinstitutionen, sagt er, seien wie „schwerfällige Tanker” — sie wüssten um die Notwendigkeit der Diversifizierung und verharrten trotzdem in alten Strukturen, blind für die Realität einer längst migrantischen Gesellschaft.

Markus Ambach hält dagegen, aber nicht als Widerspruch, eher als Weiterdrehung. In weiten Teilen der Welt sei Kunst kein isoliertes Objekt für den Markt, sondern ein „Agitator” in gesellschaftlichen Strukturen. Die europäische Kunstwelt müsse lernen, diesen Blick von außen anzunehmen, statt sich im eigenen Fachdiskurs zu spiegeln.

Die entscheidende Verschiebung aber kommt von Farzane Vaziritabar. Sie greift den Rahmen selbst an, in dem über Migration und Kunst gesprochen wird, den „Fremdheitsdiskurs”. Er sei eine Falle: Er reduziere Künstler*innen auf ihre Herkunft, noch im Moment des vermeintlichen Willkommens. Es gehe nicht um Fremdheit, sagt sie, sondern um Position und um den Ort, von dem aus man arbeitet, um die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum, um Zugehörigkeit als Tatsache, nicht als Gnade. Damit steht die Frage des Panels auf einmal anders im Raum. Europa beginnt nicht an einer geografischen Grenze. Es beginnt dort, wo man aufhört, die eigene Perspektive für die Mitte zu halten.

„Wenn wir als Europa keine Art von Zukunftstraum haben, keine Art von Idee, von Vision, von Neuem, dann werden wir immer wieder zurück in die Vergangenheit schauen müssen.”

Ivor Stodolsky

III. Die Schere im Kopf

Die letzte Runde ist die dunkelste. Lars Hendrik Beger vom Deutschlandfunk beschreibt eine bedrückende Atmosphäre: Künstler*innen und Autor*innen mieden kontroverse Themen schon bei der Antragstellung, aus Angst vor Stigmatisierung oder dem Verlust der Förderung. „Die Schere im Kopf”, sagt er, „die ist längst da.” Die Zensur muss nicht mehr von außen kommen; sie hat sich eingerichtet.

Georg Schöllhammer und Ivor Stodolsky führen aus, wohin das führen kann. In Ungarn und Russland, warnen sie, seien über Parallelstrukturen — Stiftungen, Thinktanks — ideologische Kulturpolitiken etabliert worden, die liberale Institutionen von innen aushöhlen. Stodolsky, der mit *Artist at Risk* gefährdete Künstler*innen schützt, spricht aus der Erfahrung, wie schnell aus rhetorischem Druck reale Verfolgung wird.

Ein Wort wird dabei zerlegt: die „Mitte”. Die Formel von der „Stärkung der Mitte”, so die Runde, sei selten neutral. Sie diene oft dazu, Eingriffe in die Kunstfreiheit zu legitimieren — als sei die Mitte ein feststehender Ort, den die Politik verwalten dürfe. Dabei ist sie das Gegenteil: ein pluralistischer Raum, der sich der Definition entzieht. Wer ihn definiert, hat ihn bereits verengt.

Und doch endet auch dieser Tag nicht im Fatalismus. Aus der Bedrängnis, so der Konsens, entsteht eine eigene Energie, eine Wut, die Kraft gibt, ein unbedingter Wille weiterzumachen. Aber die Resilienz allein genügt nicht. Sie hält das Vorhandene aufrecht; sie entwirft nichts.

Das letzte Wort gehört deshalb noch einmal Ivor Stodolsky, und es ist keine Antwort, sondern eine Bedingung: „Wenn wir als Europa keine Art von Zukunftstraum haben, keine Art von Idee, von Vision, von Neuem, dann werden wir immer wieder zurück in die Vergangenheit schauen müssen.”

Drei Runden, ein Bogen: von den Ruinen der geteilten Geschichte über die Frage, wer dazugehört, bis zur Freiheit, die sich nicht von selbst verteidigt. Was an diesem Samstag nicht formuliert wurde, war der Zukunftstraum selbst. Vielleicht war das ehrlich. Man kann den Raum für ihn offen halten, beschreiben lässt er sich noch nicht.

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