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New Energies – Wie viel Gesellschaft verträgt die Kunst?

Ein Rückblick auf die E.ON Foundation Art Talks & Walks der ART Düsseldorf.

Kunstmessen sind Orte der Begegnung. Sie bringen Galerien, Künstler*innen, Sammler*innen und Institutionen zusammen. Gleichzeitig sind sie Orte, an denen sich die Fragen unserer Zeit verdichten. Mit den E.ON Foundation Art Talks & Walks wurde die ART Düsseldorf für drei Tage zu einer Plattform für Austausch, Perspektiven und gesellschaftlichen Dialog.

Unter dem Titel New Energies widmete sich das Programm den Themen, die Kunst und Gesellschaft gleichermaßen bewegen: der gesellschaftlichen Verantwortung von Kunst und Kultur, Europa als gemeinsamem kulturellen Erfahrungsraum sowie den Herausforderungen von Transformation und Nachhaltigkeit im Kunstsystem.

Die drei folgenden Beiträge greifen diese Gespräche auf – nicht als Protokolle, sondern als Annäherungen. Sie führen sie zentrale Gedanken der Diskussionen weiter und machen sichtbar, welche Impulse von den Gesprächen ausgingen.

Ermöglicht wurde das Programm durch die E.ON Foundation. Talks und thematisch kuratierte Art Walks verbanden gesellschaftliche Fragestellungen unmittelbar mit den auf der Messe präsentierten künstlerischen Positionen und machten den Dialog direkt vor den Werken erfahrbar.

Denn eine Kunstmesse ist mehr als ein Marktplatz. Sie ist ein Ort, an dem Ideen entstehen, Positionen aufeinandertreffen und neue Perspektiven eröffnet werden. Die E.ON Foundation Art Talks & Walks verstehen sich als Beitrag zu diesem Dialog, auch über die Messetage hinaus.

Der Freitag der E.ON Talks fragte, wozu Kunst da sein soll. Die überzeugendste Antwort war keine Antwort, sondern ein Aushalten.

Es gibt einen Satz, der an diesem Freitag früh fällt und den Ton für alles Folgende setzt: dass Ausstellungstexte manchmal nicht geschrieben werden, weil es etwas Neues zu sagen gäbe, sondern weil eine Ausstellung sich rechtfertigen muss. Bei einer historischen Position wie Caspar David Friedrich, so der Einwand aus der ersten Runde, entstehe Vermittlung mitunter als Legitimation von Museumspraxis — nicht aus Forschung, sondern aus dem Bedürfnis, die eigene Relevanz zu behaupten. Das ist ein unbequemer Auftakt für einen Tag, der unter der Überschrift „New Energies for Art” steht. Denn die Frage, die darin steckt, zieht sich durch alle drei Runden: Muss Kunst sich erklären, muss sie nützen, muss sie etwas *tun* — oder darf sie einfach für sich stehen?

Art Walk auf der Art Düsseldorf 2026

Ann-Katrin Günzel, Chefredakteurin des *Kunstforum International*, formulierte das Kriterium, an dem sich Kritik für sie entscheidet, denkbar klar. Ein Werk, sagte sie sinngemäß, sollte nicht komplett ersetzbar sein — nicht durch einen Text, nicht durch einen Film. Wo die Beschreibung das Werk vollständig einholt, verliert das Werk seine Kraft. Dem stellte Annkathrin Kohout die Realität der Aufmerksamkeitsökonomie gegenüber: Kunst in den sozialen Medien erscheine nie allein, sondern immer im Feed, zwischen Werbebildern und politischen Bildern, dem kontemplativen Moment strukturell entzogen. Und doch endete diese erste Runde nicht in Kulturpessimismus. Jennifer Braun, alias *Gen Z Art Critic*, verkörpert eine Rezeption, die den Algorithmus nicht nur erleidet, sondern gegen ihn arbeitet. Die bewusste Suche nach dem Längeren, dem Komplexeren, dem Video-Essay statt dem Hot Take. Die Vermittlung ist nicht in der Krise. Sie sucht sich neue Körper.

Die zweite Runde verschob die Frage vom Betrachten ins Handeln. Stephan Muschick von der E.ON Foundation beschrieb Kunst als Medium, das komplexe Fragen — Klimawandel, Integration — eindringlicher verhandeln könne als jedes analytische Format. Kathrin Jentjens von den *Neuen Auftraggebern* setzte dem ein Modell entgegen, das die Richtung umkehrt: Projekte entstehen nicht aus institutioneller Vorgabe, sondern aus dem Anliegen von Bürger\*innen, die sich zusammenschließen. Ein Schulgarten in Mönchengladbach, zugleich öffentlicher Raum, wurde zum Beleg dafür, dass Teilhabe von unten trägt, wo sie von oben verordnet zerbräche. Gil Bronner, der mit der Sammlung Philara in Flingern bewusst den Dialog mit der Nachbarschaft sucht, fügte die notwendige Demut hinzu: Man müsse die Leute ernst nehmen. Der Satz klingt harmlos und ist es nicht. Er benennt die Bruchstelle, an der engagierte Kunst regelmäßig scheitert dort, wo sie über einen Ort spricht, statt mit ihm.

Am schärfsten wurde es in der letzten Runde, die den Ort selbst verhandelte. Stefanie Reichart von der Manifesta 16 im Ruhrgebiet, berichtete von leerstehenden Kirchen als Ausstellungsräumen — Gebäude, die sie nicht als Museen begreift, sondern als „Strände”: Orte, an denen sich Menschen über soziale Schichten hinweg begegnen, dort, wo andere soziale Räume längst verschwunden sind. „This is not a church” lautet das Motto, das die Umnutzung zur sozialen Transformation erklärt. Dagegen setzte Marcel Schumacher vom Kunsthaus NRW einen bemerkenswerten Zweifel: Er sei sich gar nicht so sicher, ob man der Kunst die Aufgabe zumuten solle, Menschen zusammenzubringen. Das Museum, so sein Beharren, müsse auch der Ort bleiben, an dem man mit der Kunst allein sein kann. Linda Conze vom Kunstpalast brachte es auf die knappste Formel des Tages: Kunst steht in erster Linie für sich.

Kunst schafft Orte für Erkenntnis. Mit: Jennifer Braun (The Gen Z Art Critic), Annkathrin Kohout (Autorin und Kulturwissenschaftlerin), Ann-Katrin Günzel (Chefredakteurin Kunstforum International). Carsten Probst (Präsident AICA Deutschland).

Zwischen Reicherts Stränden und Conzes Autonomie liegt die eigentliche Spannung des Freitags und sie wird noch schärfer, wenn man sie an einer Stimme des Folgetages misst. Der Kurator Markus Ambach sollte am Samstag von der Kunst als „Agitator” sprechen, als handelndes Element in gesellschaftlichen Strukturen. Zwischen „Agitator” und „steht für sich” scheint kein Kompromiss möglich. Entweder die Kunst greift ein, oder sie verweigert sich dem Zweck. Entweder sie ist Werkzeug, oder sie ist frei.

Doch genau diese Alternative erwies sich am Ende als falsch gestellt. Der überzeugendste Gedanke des Tages war nicht die Entscheidung für eine Seite, sondern die Einsicht, dass ein Ort beides zugleich sein kann. Ein Museum kann Raum für die einsame, konzentrierte Auseinandersetzung mit einem einzelnen Werk bieten — und im Nebenraum, zur selben Zeit, durch einen Workshop eine Nachbarschaft ansprechen. Die beiden Funktionen müssen nicht in Konflikt geraten. Sie müssen nur nicht ineinander aufgelöst werden. Vermittlung, hieß es, dürfe eigenständig sein und müsse nicht immer mit der laufenden Ausstellung korrelieren; sie kann als eigenes Angebot dienen, den Ort zu öffnen, ohne die Kunst zu instrumentalisieren.

Das ist unbequemer, als es klingt, weil es die Sehnsucht nach einer klaren Haltung enttäuscht. Wer möchte, dass Kunst die Welt rettet, wird hier ebenso wenig bedient wie, wer sie vor jeder Zumutung schützen will. Die produktivere Position verlangt, den Widerspruch auszuhalten: Kunst steht für sich *und* sie wirkt. Sie ist nutzlos im emphatischen Sinn, also nicht auf einen Zweck reduzierbar und gerade deshalb von einem Wert, den kein Zweck ersetzt.

Die „neue Energie”, nach der der Titel des Tages fragte, liegt dann nicht in einem weiteren Label, das man der Kunst umhängt. Sie liegt in der Bereitschaft der Institutionen, offen zu bleiben: physisch, für die Nachbarschaft und den Fremden, und intellektuell, für die Möglichkeit, dass zwei einander widersprechende Dinge gleichzeitig wahr sind. Nicht die Kunst muss sich verbiegen, um zu genügen. Die Räume um sie herum müssen weit genug werden, um sie in ihrer Widersprüchlichkeit auszuhalten.

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