Seit mehr als drei Jahrzehnten verwandelt der Sammler Michael Zimmer eine ehemalige Kiesgrube in den bewohnten Garten – eine lebendige Landschaft, in der zeitgenössische Skulpturen und Natur in einen Dialog treten. Der Garten, der von intuitiven Ideen geleitet und in Zusammenarbeit mit Künstlern und Landschaftsarchitekten gestaltet wurde, spiegelt Zimmers Vision von Kunst als Teil eines harmonischen Ganzen wider. In diesem Gespräch spricht er über die Ursprünge des Projekts, seinen kuratorischen Ansatz, die Mission der Stiftung und darüber, warum das Sammeln vor allem von persönlicher Begeisterung getrieben sein sollte.
Michael Zimmer ©Der bewohnte Garten.
Was war der Moment, in dem aus der Idee eines „bewohnten“ Gartens ein konkretes Vorhaben wurde?
Als ich meinen Hof vor circa 30 Jahren kaufte, war fast alles nur Sand, Beton oder Kiesgrube. Der Hof war eine Ruine. Die Ödnis habe ich u.a. intuitiv mit einem Garten gefüllt. Mein damaliger Freund Udo Kittelmann, Direktor seinerzeit des kölnischen Kunstvereins, hatte die Idee, zeitgenössische Skulpturen zu sammeln. Die Idee gefiel mir, weil sie mir den Garten gemütlich machte. Irgendwann kam mir dann die Idee, den Garten beschränkt öffentlich zu machen.
Ich kannte das aus meinem Internat, einem Jesuitenkolleg, dessen Park auch Fremde begehen durften , um sich daran zu erfreuen. Dieser Idee war ich mein Leben lang sehr positiv gegenüber eingestellt und wollte nach 30 Jahren, in denen ich Skulpturen gesammelt hatte dies auch auf meinem Hof umsetzen. Dabei geht es mir nicht ausschließlich um Fachpublikum, sondern insbesondere um Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die den Zugang zur Kunst suchen, den Ihnen der White Cube häufig entfremdet.
Nach welchen Kriterien wählen Sie Skulpturen bzw. Künstler*innen aus – eher thematisch, formal oder intuitiv?
Udo Kittelmann und mich hat die künstlerische Umsetzung der menschlichen Figur in der Zeitgenössischen Kunst interessiert. Hierzu wollten wir herausragende Beispiele sammeln. Wir sahen hier große Veränderungen in der Kunst nach dem zweiten Weltkrieg, die wir versuchen wollten, an einigen Werken exemplarisch zu dokumentieren. Udo Kittelmann suchte mit seiner so umfassenden Erfahrung die Künstler:innen aus und ich gestaltete mithilfe großartiger Landschaftsarchitekten wie Bernhard Korte und Jean Mus den Garten. Jeder Künstler oder Künstlerin hatte dabei auch die Möglichkeit, seinen Teil des Gartens mitzugestalten.
Wie läuft der Dialog mit den Kunstschaffenden ab, wenn ein Werk „maßgeschneidert“ für einen bestimmten Gartenraum entstehen soll? Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem sich ein Werk erst vor Ort völlig neu erschlossen hat?
Ja sehr gerne, beispielsweise Paul McCarthy. Für ihn haben wir auf seinen Wunsch einen Hügel angelegt, um seine Skulptur „Henry Moore, Bound to fail“ zu präsentieren, eingerahmt von Trauerweiden ist das Gras auf der einen Seite geschnitten, wie es bei Moore richtig gewesen wäre und von der anderen Seite wild, zu Paul entsprechend passend. Auch der Platz der gegenüberliegenden Skulptur von Pierre Huyghe „Untilled“ ist speziell von Pierre inklusive des kleinen Wäldchens und der Blumenwiese speziell gestaltet.
Diese Art der Zusammenarbeit mit diesen großartigen Künstler:innen hat mir immer besondere Freude gemacht.
Paul McCarthys Bronzeskulptur „Henry Moore Bound to Fail“ in: Der bewohnte Garten, © Der bewohnte Garten.
Wir wird der bewohnet Garten verwaltet und – auch aus botanischer Perspektive –kuratiert? Wie arbeiten Gärtner*innen und Künstler*innen zusammen? Welche botanischen und gartenbaulichen Überlegungen fließen in die Platzierung von Skulpturen ein (Sichtachsen, Blütezeiten, Wachstum, Witterung)?
Alles ist mehr oder weniger dem Zufall überlassen. Der Park orientiert sich an der englischen Landschaftsgarten Gestaltung. Nichts Präzises wie bei Peter Josef Lenné oder gar französischen Gärten, wie zum Beispiel Versailles. Alles bei uns möglichst leger und unprätentiös. Wichtig ist nur, jeder einzelnen Arbeit ihren eigenen Raum zu lassen.
Gibt es Projekte, die letztlich doch nicht oder doch nicht so, wie zunächst geplant umgesetzt werden konnten?
Das weiß und wusste man nie und hängt immer von der Arbeit ab, die man gerade findet. Die Aufgabe ist den Zufall zu gestalten.
Gibt es bewusst Leerstellen im Park, die für zukünftige Arbeiten reserviert sind?
Der Park ist in sich schön. Der Garten soll wirken. Die Skulptur ist zu Gast. Deswegen „Der bewohnte Garten“. Er spiegelt Goethes Ideal der harmonischen Welt wider. Wer mag, liest Wilhelm Meisters Lehrjahre und wird dort die Hintergründe des Gartens in Goethes Sinne verstehen.
Die Stiftung fördert neben dem Garten auch Ausstellungen, Publikationen und Museen. Nach welchen Kriterien werden Fördermittel vergeben? Was ist das zentrale Anliegen der Stiftung?
Das zentrale Anliegen der Stiftung ist den Besucher:innen ein Moment der kontemplativen Ruhe zu schenken. Insbesondere denen, die vielleicht nicht die Möglichkeit haben sich Kunst zu erschließen, soll er eine Brücke zur Kunst bilden. Insbesondere Kindern und Jugendlichen soll er ein Hort der Ruhe sein. Dies ermöglichen wir mit unseren Kids Days.
Wie sieht Ihre Vision für den bewohnten Garten in der Zukunft aus?
Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen auszubauen, ist unser nächstes primäres Ziel.
Welchen Rat würden Sie jungen Sammler*innen geben, die ihre Kunst in einen nicht‑musealen, „bewohnten“ Raum integrieren möchten?
Sich selbst, ihren Interessen und Ideen zum persönlichen Vergnügen zu folgen. Aus persönlicher Begeisterung entstehen die schönsten Ergebnisse.
Und welche drei Ratschläge würden Sie ganz allgemein jungen Sammler*innen geben, die gerade beginnen sich mit der Kunst und dem Sammeln auseinander zu setzen.
Aus Begeisterung Kunst erwerben. Das ist wirtschaftlich nicht sinnvoll – macht aber Freude. Wer mit Kunst Geld verdienen will, spielt besser im Lotto.
Kunst dient der persönlichen Freude, der Förderung des Künstlers oder der Künstlerin und den Eltern dazu, ihren Kindern zu ermöglichen, Freude an etwas zu finden, das nicht dem wirtschaftlichen Zweck dient. Ich weiß nicht, ob das jetzt drei Ratschläge waren aber das wäre das, was ich dem Kunstinteressierten gerne mitgeben würde. Das Ganze sollte auch im Regelfalle nicht den Anspruch haben eine Sammlung zu sein. Denn schon mit diesem Anspruch droht man sich zu reglementieren –das gelingt nur im seltenen und dann besser professionell begleiteten Fall.
Stiftung zur Förderung zeitgenössischer Kunst
Für alle, die den bewohnten Garten in der Nähe von Köln erleben möchten: Führungen können auf Anfrage organisiert werden.
Anfragen: 📧 ausstellung@derbewohntegarten.de
Adresse:
Der bewohnte Garten
Stiftung zur Förderung zeitgenössischer Kunst
Gut Hasselrath
50259 Pulheim
https://www.derbewohntegarten.de/
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