Private View: Gespräche mit Sammler*innen
Was bewegt Menschen dazu, Kunst zu sammeln? Und welche Wege führen sie dorthin? In unserer Reihe Private View: Gespräche mit Sammler*innen erzählen Kunstsammler*innen von den persönlichen Geschichten hinter ihren Sammlungen: Was hat ihr Kunstinteresse geweckt? Welche Werke begleiten sie bis heute? Und wie prägen Künstler*innen, Gesellschaft und Leben ihre Sammlung?
In diesem Interview sprechen wir mit Reinhard Ernst über prägende Erlebnisse, Lieblingswerke – und die Bedeutung gesellschaftlicher Verantwortung beim Sammeln.
© Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung, Museum Reinhard Ernst, Foto Helbig Marburger.
Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Kunst für Sie persönlich wichtig wurde?
Als Heranwachsender im Nachkriegsdeutschland der späten 1940er und 1950er Jahre kam ich mit Kunst zunächst kaum in Berührung. Tatsächlich besuchte ich zum ersten Mal ein Museum, als ich 40 Jahre alt war. Es war das Musée Picasso in Paris, und ich war von den Arbeiten, die ich dort sah, auf Anhieb begeistert. Als meine Frau und ich unsere erste Wohnung und später unser erstes Haus einrichteten, suchte ich Kunstwerke für unsere Wände. Ich hatte natürlich ein limitiertes Budget, aber schon eine sehr konkrete Vorstellung: Die Arbeiten sollten abstrakt sein. Ich kaufte Papierarbeiten von Hubert Berke und K. O. Götz. Ich würde sagen, dass dieser erste Kauf den Beginn meiner Sammeltätigkeit markiert.
© Museum Reinhard Ernst, Foto: Marie Christine Möller.
Wie kamen Sie auf die Idee, ein eigenes Museum zu errichten?
Auf den ersten Museumsbesuch folgten viele weitere, und ich ging auch regelmäßig in Galerien und nahm an Auktionen teil. Nach einigen Jahren stellte ich fest, dass ich mehr Bilder gekauft hatte, als mir Wände zur Verfügung standen. Darunter befanden sich zahlreiche großformatige Arbeiten – etwa von meiner Lieblingskünstlerin Helen Frankenthaler, von Robert Motherwell oder Frank Stella. Die größte Arbeit in meiner Sammlung ist von Toshimitsu Imai und misst in der Breite 20 Meter. Da meine Frau und ich keine Kinder haben und das Alter auch vor uns keinen Halt macht, stellte sich irgendwann die Frage: Wohin mit der Sammlung, wenn wir nicht mehr da sind? Ich sprach mit einigen Museumsdirektoren, aber keines der Angebote überzeugte mich. Meine Sammlung ist strategisch aufgebaut – sie bildet zahlreiche künstlerische Gruppierungen, die nach 1945 in Deutschland, Europa, Japan und USA entstanden sind, umfangreich ab. So habe ich in meiner Sammlung Arbeiten von allen Gutai Künstlern. Wenn man eine solche Collection einem Museum anvertraut, wünscht man sich, dass immer ein gewisser Prozentsatz der Werke öffentlich zugänglich ist. Denn das größte Glück ist ja, dass die Kunstwerke gesehen werden – und zwar von vielen Menschen. Das konnte keiner meiner Gesprächspartner in dem Umfang garantieren, der mir vorschwebte. Den Impuls zur eigenen Museumsgründung gab aber nicht der damalige Städeldirektor Max Hollein, als er halb im Spaß zu mir sagte „Warum bauen Sie sich nicht Ihr eigenes Museum?“, sondern eher der Gedanke, dass wir mit einem Museum die Chance haben, Kinder an Kunst heranzuführen und Kreativität in ihnen zu wecken zu können.
Mit dem Verkauf meiner beiden Unternehmen 2017 hatte ich dann das nötige Kapital, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Sie sagen, Sammler tragen öffentliche Verantwortung. Wie zeigt sich das konkret im Museum Reinhard Ernst?
Ich folge, was meine Liebe zu abstrakter Malerei und Skulptur betrifft, zwei Leitgedanken: Zum einen sind wir – meine Frau und ich – der Ansicht, dass die Kunst allen gehört. Insofern laden wir mit unserem Museum Kunst- und Architekturinteressierte ein, sich auf abstrakte Kunst einzulassen. Und mehr noch – mir ist es wichtig, dass auch Menschen zu uns kommen, die vielleicht noch nie im Museum waren.
Denn die Beschäftigung mit Kunst – das ist klar erwiesen – setzt Kreativität frei. Und damit kämen wir zum zweiten Leitgedanken: Meiner Frau und mir ist es ein Anliegen, Kreativität bei Kindern zu wecken und zu fördern. Kreative Kinder sind selbstbewusst, sie kommen auf ungewöhnliche Ideen und finden unkonventionelle Lösungsansätze. Das brauchen wir in Deutschland – und wir möchten Kinder dazu ermutigen, ihre Kreativität zu entdecken und auszuleben. Aus diesem Grund ist das Museum Reinhard Ernst am Vormittag nur für Kinder und Jugendliche geöffnet. In den letzten zwölf Monaten haben 580 Schulklassen und über 15.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren das Museum Reinhard Ernst besucht. Das freut mich ganz besonders.
© Museum Reinhard Ernst, Foto: Robert Lichtenberg
Welche Lernerfahrungen wünschen Sie jungen Besucher*innen des Museums?
Was wir, gerade in unserer ersten Sammlungspräsentation „Farbe ist alles!“ (bis Sommer 2026) und in der Sonderausstellung „Helen Frankenthaler. Move and Make“ (noch bis 28. September 2025) vermitteln möchten, ist, dass man auf ganz ungewöhnliche Weise zu Bildern kommen kann. Malen – das heißt nach 1945 nicht mehr nur, an der Staffelei zu stehen und eine Komposition mit Farbe und Pinsel auf die Leinwand zu bringen. Nein, Künstler wie K.O. Götz, Helen Frankenthaler, Kazuo Shiraga oder der jüngst verstorbene Künstler Günther Uecker haben mit vollem Körpereinsatz gearbeitet. Farbe wurde geworfen, gerakelt, getropft und geschmiert. Die Kompositionen, die auf diese Art und Weise entstanden, fordern unsere Sehgewohnheiten heraus, sie ringen uns ein neues Verständnis für Malerei ab. Das ist gleichzeitig eine unglaubliche Befreiung. Diese Herangehensweise – dass man ganz neue Wege in der Kunst gehen darf, dass man experimentieren kann – das möchten wir vermitteln.
Welche Reaktionen des Publikums haben Sie überrascht?
Der Einfluss der Architektur auf die Wahrnehmung der Kunstwerke bei unseren Besuchern. Unsere Besucher sehen in unserem Museum ein Gesamtkunstwerk, genau wie ich es mir erhofft hatte. Ich bin glücklich, dass uns dies gelungen ist und insbesondere, dass schon Kinder ein Gefühl entwickeln, das zur folgenden Aussage führt: “Das Museum ist so schön, hier möchte ich wohnen”. Für mich das schönste Kompliment.
Seit 1972 pflegen Sie eine enge Beziehung zu Japan – sichtbar etwa im von Fumihiko Maki entworfenen Museum. Was genau macht diese Verbindung für Sie persönlich aus?
Ich bin als Unternehmer über Jahrzehnte hinweg mehrmals im Jahr nach Japan gereist. Auf diese Weise sind viele Freundschaften entstanden und gewachsen, und die japanische Kultur ist mir in ihrer ganzen Vielfalt sehr vertraut. Als Unternehmer hat mich besonders die Präzision fasziniert, für die Japaner in allen Bereichen bekannt sind – die Architektur unseres Museums ist ein gutes Beispiel dafür. Um auf Fumihiko Maki zu kommen – er hat als japanischer Architekt überall in der Welt gebaut. Seine Gebäude, auch seine Museen stehen in Nordamerika, Indien und China – und sie zeichnen sich alle durch eine große Klarheit und Zurückgenommenheit aus, die jedoch alles andere als nüchtern ist. „Towards a humane Architecture / Für eine menschliche Architektur“ war einer seiner Leitgedanken. Und es stimmt: Man fühlt sich in seinen Häusern auf Anhieb wohl.
© Reinhard Ernst Museum, Wiesbaden, Fotografen: Frank Marburger, Klaus Helbig.
Welche Kriterien müssen Werke erfüllen, um in Ihre Sammlung zu passen und wie gehen Sie heute bei einer möglichen Neuerwerbung vor?
Es ist sehr einfach – das Werk muss mir auf Anhieb gefallen. Ich vertraue da ganz auf mein Bauchgefühl. Im Laufe der Jahre haben sich meine Geschmackskriterien verfeinert. Ich habe viele Museen und viele Galerien besucht. Das schärft den Blick für Qualität. Dazu kommt, dass ich ungezählte Stunden damit verbracht habe, Ausstellungspublikationen zu sichten und Auktionskataloge zu studieren.
Wie stehen Sie zur Gegenwartskunst und zu den (zeitgenössischen) Künstler:innen, die Sie ausstellen?
Im mre haben wir fünf in situ Kunstwerke, die fest mit der Architektur verbunden sind – das sind Arbeiten von Tony Cragg, Katharina Grosse, Bettina Pousttchi, Karl-Martin Hartmann und Claudia Walde. Diese Arbeiten haben einen skulpturalen Charakter, und sie sind für mich persönlich ganz eng mit der Entstehung des Museums verbunden. Der Großteil der Arbeiten in meiner Sammlung sind jedoch Malereien. Bei den zeitgenössischen Künstler:innen interessiert mich, wie sie die Malerei vorantreiben, welche Bilder sie heute finden. Ab dem 26. Oktober zeigen wir die Gruppenausstellung: Helen Frankenthaler moves Jenny Brosinski, Ina Gerken und Adrian Schiess. Alle drei Künstler haben sich intensiv mit Helen Frankenthalers Werken und ihrer Arbeitsweise auseinandergesetzt. Mir gefällt, wie sie sich in ihren Arbeiten Frankenthaler annähern oder ihr widersprechen. Die Düsseldorfer Künstlerin Ina Gerken war Meisterschülerin bei Katharina Grosse, und sie hat vor ein paar Jahren drei Monate lang im Frankenthaler Haus der Skowhegan School of Painting and Sculpture in Maine gearbeitet. https://www.skowheganart.org/ Sie hat ein sehr eigenständiges Werk geschaffen, dessen Ernsthaftigkeit und Poesie sich sofort vermittelt. Und gleichzeitig sieht man ihren Gemälden die konzentrierte Beschäftigung mit Helen Frankenthaler an.
© Museum Reinhard Ernst, Foto: Robert Lichtenberg.
Welche drei Ratschläge geben Sie jemandem, der heute mit dem Sammeln beginnen möchte?
Ich kann gerne berichten, was mir persönlich geholfen hat: Den Großteil meiner Ankäufe habe ich bei Auktionen erworben. Da erlebe ich eine gewisse Distanz zum Künstler und zum Werk, die in einer Galerie möglicherweise nicht gegeben ist. Sich ein festes Budget zu setzen, und dieses nicht zu überschreiten. Das gelingt mir zwar auch nicht immer, aber in den meisten Fällen habe ich mich daran gehalten. Und zuletzt: Akribische Recherche gehört zum Sammeln dazu. Man sollte sich sorgfältig über Preise und die Preisentwicklungen von Künstlern informieren, bevor man entscheidet– so vermeidet man böse Überraschungen. Aber das Wichtigste war meine Entscheidung, nur das zu sammeln, was mir gefällt. Wer dieses Gefühl nicht selbst entwickeln kann, soll sich gute Berater suchen.
Was wünschen Sie sich für die nächste Sammler*innen Generation?
Ich sehe mit einem gewissen Befremden, wie Kunstwerke als reine Spekulationsobjekte gehandelt werden. In der Hoffnung auf schnelle Wertsteigerung verschwinden diese Arbeiten in Depots und bleiben dort mitunter jahrelang. Das widerstrebt mir, denn ich bin der Meinung, dass Kunstwerke, auch wenn sie einer Privatperson oder einer Unternehmenssammlung gehören, doch ein Gut für die Öffentlichkeit sind und von ihr gesehen werden sollten – und zwar von möglichst vielen Menschen.
Seit Sommer 2024 bereichert ein neues Museum die Stadt Wiesbadens: das Museum Reinhard Ernst, entworfen vom renommierten japanischen Architekten Fumihiko Maki.
Adresse:
Museum Reinhard Ernst
Wilhelmstraße 1
65185 Wiesbaden
✉️ info@museum-re.de
🌐 www.museum-re.de
Öffnungszeiten:
Dienstag–Sonntag: 12:00–18:00 Uhr
Mittwoch: 12:00–21:00 Uhr
Montag: geschlossen
Aktuelle Ausstellungen:
Bis zum 28. September 2025 ist die Sonderausstellung
Helen Frankenthaler: Move and Make (16. März – 28. September 2025) zu sehen.
Die Sammlungspräsentation steht unter dem Titel:
Farbe ist alles.