Was bewegt Menschen dazu, Kunst zu sammeln? Und welche Wege führen sie dorthin?
In unserer Reihe Private View geben Kunstsammler*innen Einblicke in die persönlichen Geschichten hinter ihren Sammlungen: Was hat ihr Interesse an Kunst geweckt? Welche Werke begleiten sie über Jahre hinweg? Und wie prägen Künstler*innen, gesellschaftliche Entwicklungen und individuelle Lebenswege ihre Sammlung?
In dieser Ausgabe sprechen wir mit Steffen Hildebrand – Unternehmer, Sammler und Geschäftsführer der G2 Kunsthalle Leipzig. Seit über zwanzig Jahren lebt er in Leipzig und engagiert sich für die Sichtbarkeit und Förderung zeitgenössischer Kunst. Seine Sammlung ist geprägt von Intuition, Vielfalt und einer besonderen Verbundenheit mit dem Kunststandort Leipzig.
Herr Hildebrand, was war das erste Werk, das Sie erworben haben – und welche Bedeutung hat es heute für Ihre Sammlung?
Das erste Werk meiner Sammlung war tatsächlich ein Geschenk. Ich war noch relativ jung, als ich bei einem Bekannten meiner Eltern Kunstwerke sah, die mich sofort faszinierten. Ich fragte meine Eltern, ob es möglich sei, sich so etwas zum Geburtstag zu wünschen – ich hatte damals keinerlei Wissen über den Kunstmarkt. So bekam ich das Werk Learsch’s Portrait aus dem Jahr 1987 des Leipziger Künstlers Jost Giese geschenkt.
Ich bezeichne diese Anekdote gerne als Gänsehautgeschichte, denn ich hätte damals nicht ahnen können, dass Leipzig einmal die Stadt sein würde, in der ich seit über zwanzig Jahren lebe und mich zuhause fühle.
Ausstellungsansicht Dauerausstellung G2 Kunsthalle mit Werken der Sammlung Hildebrand. V.l.n.r.: Inna Levinson, Melike Kara, Alvaro Barrington und Marina Perez Simão. Foto: dotgain.info
Wie kam es von diesen frühen Erlebnissen zur Idee, die Sammlung öffentlich zu machen?
Die Idee, meine Sammlung öffentlich zu machen, entstand durch eine Inspiration meines Freundes und Sammlerkollegen Gil Bronner aus Düsseldorf, der seine Sammlung damals in der ehemaligen Leitz-Fabrik präsentierte. Sein Umgang mit seiner Sammlung hat mich dazu ermutigt, meine eigene in Leipzig einem breiteren Publikum zu öffnen. Mit der G2 Kunsthalle fand sich schließlich ein Ort, an dem dies möglich wurde.
Ihre Sammlung folgt keinem thematischen Schwerpunkt. Was ist für Sie ausschlaggebend beim Erwerb eines Kunstwerks?
Für mich gibt es nicht den einen ausschlaggebenden Faktor. Ein Kunstwerk muss mich unmittelbar ansprechen und etwas in mir auslösen. Das Sammeln ist für mich vor allem eine intuitive Entscheidung – weniger ein rationaler Prozess als vielmehr ein emotionaler Impuls, der aus dem Bauch heraus entsteht.
Ausstellungsansicht Dauerausstellung G2 Kunsthalle mit Werken der Sammlung Hildebrand. V.l.n.r.: Dana Schutz und Neo Rauch. Foto: dotgain.info
Welche Rolle spielt Leipzig für Sie als Sammler – auch im Vergleich zu Berlin oder weiteren internationalen Kunstzentren?
Leipzig ist meine Heimatstadt geworden, die mir viel ermöglicht hat und in der ich sehr gerne lebe. Die Stadt zählt zu den dynamischsten in Deutschland – Kunst und Kultur waren und sind hier immer bedeutend.
Leipzig verfügt über eine starke Kunstszene, geprägt durch Institutionen, Galerien und die Hochschule für Grafik und Buchkunst.
In der G2 Kunsthalle zeigen Sie auch Ausstellungen, die nicht Teil Ihrer Sammlung sind. Wie fügt sich dieser Bereich in das Gesamtprogramm ein?
Das Ausstellungsprogramm gestaltet der Leiter der Kunsthalle, Leo Wedepohl. Die G2 Kunsthalle ist vollkommen unabhängig von meiner Sammlung. Leo Wedepohl kann jedoch jederzeit auf den Bestand zugreifen, wenn es für eine Ausstellung sinnvoll ist. Es ist jedoch keine Voraussetzung, dass die Künstler*innen Teil meiner Sammlung sind. Die Kunsthalle ist ein lebendiger Ort für zeitgenössische Kunst – und kann hierzu gerne Teile meiner Sammlung zeigen.
Gibt es Leipziger Positionen, die für Sie besonders prägend sind?
Es sind so viele, dass es schwierig ist, einzelne hervorzuheben. Für mich liegt der Reiz gerade in der Vielfalt. Als Sammler halte ich mich bewusst zurück, wenn es darum geht, bestimmte Positionen besonders hervorzuheben – das überlasse ich den Kurator*innen.
Wie gestaltet sich für Sie die Rolle von Sammler*innen im heutigen Kunstsystem – und welche Bedeutung hat dabei der direkte Austausch mit Künstler*innen?
Der direkte Kontakt mit Künstler*innen spielt für mich eine große Rolle und ist einer der Gründe, warum ich mich auf zeitgenössische Kunst fokussiere. Wann immer es möglich ist, suche ich das Gespräch und schätze die Einblicke in ihre Gedanken und Arbeitsprozesse.
Gleichzeitig sind Sammler*innen ein wichtiger Bestandteil des Kunstsystems – sie unterstützen Künstler*innen und machen Kunst sichtbar. Für mich war es deshalb naheliegend, Teile meiner Sammlung öffentlich zugänglich zu machen und Werke für Ausstellungen zu verleihen. Beides gehört für mich zu einer verantwortungsvollen Sammlungstätigkeit.
Welche Themen oder künstlerischen Positionen werden für Sie in Zukunft wichtiger – und wie soll sich Ihre Sammlung in den kommenden Jahren entwickeln?
Ich begegne jeder Kunst und jeder künstlerischen Position unvoreingenommen und offen und möchte mich daher nicht festlegen, welche Themen für mich künftig besonders relevant sein werden. Wichtig ist mir vielmehr, bestehende Positionen weiter auszubauen und neue Künstler*innen für die Sammlung zu entdecken.
Steffen Hildebrand vor einer Malerei von Norbert Bisky (Unrest, 2018). Foto: Foto Rechtnitz
Welche drei Ratschläge würden Sie jungen Sammler*innen geben?
Sei immer offen für Neues.
Kauf nur, was dir selbst wirklich gefällt.
Und betrachte Kunst nicht als Investment, bei dem du auf monetäre Rendite spekulierst. Kunst ist eine Anlage, die dir eine stetige emotionale Rendite bringt – das ist viel wertvoller.