Was bewegt Menschen dazu, Kunst zu sammeln? Und welche Wege führen sie dorthin?
In unserer Reihe Private View: Gespräche mit Sammler*innen erzählen Kunstsammler*innen von den persönlichen Geschichten hinter ihren Sammlungen: Was hat ihr Kunstinteresse geweckt? Welche Werke begleiten sie bis heute? Und wie prägen Künstler*innen, Gesellschaft und Leben ihre Sammlung?
In diesem Interview spricht Dirk Lehr über seine frühen Zugänge zur Kunst, über rechtliche Grauzonen im Kunstsystem und darüber, warum Kunstfreiheit für ihn untrennbar mit Verantwortung verbunden ist.
Herr Lehr, Sie haben bereits als Schüler Ihr erstes Kunstwerk gekauft. Erinnern Sie sich noch daran, warum es gerade dieses Werk wurde – und wie sich Ihr Kunstverständnis seit damals verändert hat?
Ja, daran erinnere ich mich sehr gut. Es war eine Lithografie von Salvador Dalí – und für mich war wichtig, dass er damals noch gelebt hat. Ich bin seinen surrealistischen Bildwelten bis heute verbunden. Er ist ein großartiger Künstler, auch wenn er gerne als kitschig bemakelt wird.
Ich habe das Blatt damals gegen das Licht gehalten und gesehen, wie die Farbe auf dem Papier „sitzt“. Diese Erfahrung hat meine Sicht auf Kunst entscheidend geprägt: Ein Bild ist nur eine Abbildung – so lange es kein Original ist.
Sie sind als Rechtsanwalt, Autor und Podcaster eng mit dem Kunstbetrieb verbunden. Wie beeinflusst diese Vielseitigkeit Ihren Zugang – und umgekehrt?
Ein solcher 360-Grad-Blick hält die Neugierde lebendig. Meine verschiedenen Aktivitäten bringen mich dazu, mich mit Dingen zu beschäftigen, die mir sonst verborgen geblieben wären – das empfinde ich als große Bereicherung. Gleichzeitig kann diese intensive Auseinandersetzung mit der Kunstwelt hin und wieder auch desillusionierend sein.
Andreas Gefeller, Rennbahn, 2004, C-Print/Diasec, 125x258 cm. Photo: by Andreas Gefeller
Gab es einen Punkt, an dem Sie gemerkt haben, dass Sie sich stärker in Debatten über Strukturen des Kunstbetriebs einbringen möchten?
Eigentlich begann das zeitgleich mit meinem ersten Kunstkauf. Ich war schon in der Schule derjenige, der ständig über Kunst gesprochen hat. Ich habe sogar Ausstellungsfahrten organisiert – zum Kunstmuseum Basel oder ins Museum Ludwig – und dort Führungen gemacht. Schon damals wurde mir klar, wie groß das Interesse an Kunstvermittlung ist, auch an Marktmechanismen. Kurz nach dem Studium begann ich zu publizieren. Als Jurist hat man dazu leichter Zugang.Ab da gingen Sammeln, Schreiben und Sprechen über Kunst Hand in Hand.
Sie beschäftigen sich intensiv mit Urheberrecht, Cancel Culture und Gemeinfreiheit. Was hat Sie motiviert, diese Themen genauer zu beleuchten?
Im Urheberrecht begegnen mir immer die gleichen Fragen – bei Künstler und Künstlerinnen, Galerien, Verwertern und Privatpersonen. Es gibt viel Unwissen, Irrtümer oder Wunschdenken. Dem wollte ich etwas entgegensetzen.
Die Kunstfreiheit ist für mich nicht verhandelbar. Sie ist ein notwendiger Bestandteil demokratischer Meinungsbildung. Da in den vergangenen Jahren Tendenzen entstanden, Kunst zu beschneiden – durch das Umbenennen von Werktiteln in staatlichen Museen, das Entfernen von Arbeiten aus Foyers oder Ausstellungen oder durch Rufe nach Vernichtung – war es mir ein Bedürfnis, diese Form der Cancel Culture öffentlich zu besprechen.
Birgit Jensen, DCLV II, 2004. Acryl/Leinwand, 60 x 90 cm
Welche Fragen begegnen Ihnen in Ihrer juristischen und sammlerischen Praxis besonders häufig – und wo sehen Sie den größten Informationsbedarf im Kunstsystem?
Bei Künstler und Künstlerinnen sind es Fragen zum Umgang mit Galerien oder ob sie Werke anderer zur eigenen Arbeit nutzen dürfen. Seit KI relevanter wird, kommt die Sorge hinzu, dass ihre Werke ohne ihr Wissen zum Training solcher Modelle verwendet werden. Bei Sammler und Sammlerinnen geht es meist ums Kaufen, Verkaufen und Vererben von Kunst.
Den größten Informationsbedarf sehe ich bei Künstler und Künstlerinnen, da juristische und wirtschaftliche Aspekte noch immer nicht Teil ihrer Ausbildung sind. Und bei Menschen, die Käufer oder Käuferin werden möchten – dort herrscht große Unsicherheit bezüglich Qualität und Preis.
Wie verstehen Sie die Verantwortung von Sammler*innen – und welche Entwicklungen haben den Kunstmarkt zuletzt besonders verändert?
Sammler und Sammlerinnen sind wichtige Akteure des Kunstsystems – nicht nur wirtschaftlich durch Käufe oder Leihgaben. Kunst sammeln geht über Besitz hinaus. Man ist Botschafter „seiner“ Künstler und trägt Verantwortung für Kunstvermittlung und öffentlichen Diskurs.
Eine entscheidende Entwicklung ist die „Normalisierung“ des Online-Handels. Es ist heute selbstverständlich, Kunstwerke allein anhand von Bilddateien zu kaufen oder zu verkaufen. Diese fast vorbehaltlose Akzeptanz des digitalen Handels hat den Kunstmarkt grundlegend verändert.
Seit dem 23.11.2025 präsentieren Sie im Mannheimer Kunstverein Ihre neue Ausstellung „I’ve never been afraid of beauty!“. Welche Bedeutung hat dieser Satz für Sie – und inwiefern hat diese Haltung die Auswahl der Werke geprägt?
Er spiegelt meine grundsätzliche Haltung gegenüber Kunst wider. Im Kunstbetrieb gibt es Stimmen, die Werke, die sich leicht erschließen, als nicht intellektuell genug abwerten – Malerei eingeschlossen, die gerne als „Flachware“ bezeichnet wird. Für manche zählt nur das Spröde, Sperrige oder Experimentelle. Das befremdet mich. Ich hatte nie ein Problem mit Schönheit. Ein Kunstwerk darf auch schön sein. Das hat nichts mit Dekoration zu tun, die mich nicht interessiert.
Für die Ausstellung in Mannheim wollte ich Werke zeigen, die meine eigene Biografie widerspiegeln – von meiner Geburtsdekade, den 1960er Jahren, bis heute. Eine Art Biografie in Bildern also.
Woher schöpfen Sie zwischen Ihrer Tätigkeit als Anwalt, Ihrem Schreiben, dem Podcast und Ihrer Sammlung die Inspiration für Ihr Schaffen?
Der Treibstoff meiner Inspiration sind die Geschichten, die der Kunstbetrieb und der Markt liefern. Aktuell beschäftigt mich vor allem die Appropriation Art. In einem Buch habe ich ihr ein Kapitel gewidmet. Es ist überfällig, sie rechtlich aus der Grauzone zu holen und als eigenständige Kunstform anzuerkennen.
Können Sie sich neue Schwerpunkte in Publikationen oder im Podcast vorstellen?
Ja. Ich würde gerne live gehen – etwa in Form eines Talk-Formats.
Dirk Lehr, 2025. Photo: by Dirk Lehr
Drei Ratschläge an junge Sammler*innen?
Möglichst viele Museen, Galerien und Messen besuchen – sehen und vergleichen. So erkennt und versteht man relevante Kunst.
Nicht mit den Ohren kaufen. Sich nicht von Hypes und „nächsten Stars“ leiten lassen.
Ein Budget setzen. Das erleichtert Entscheidungen und schützt vor Enttäuschungen