Was bewegt Menschen dazu, Kunst zu sammeln? Und welche Wege führen sie dorthin?
In unserer Reihe “Sammler*innen im Gespräch” geben Kunstsammler*innen Einblicke in die persönlichen Geschichten hinter ihren Sammlungen. Was hat ihr Interesse an Kunst geweckt? Welche Werke begleiten sie über Jahre hinweg? Und wie prägen Künstler*innen, gesellschaftliche Entwicklungen und individuelle Lebenswege den Blick auf Kunst und das Sammeln?
In dieser Ausgabe sprechen wir mit Gil Bronner, Sammler und Gründer der Sammlung Philara, eine der größten und bekanntesten Privatsammlungen in Düsseldorf. Als fester Bestandteil der zeitgenössischen Kunstszene in Düsseldorf hat sich das Ausstellungshaus in der ehemaligen Glaserei Lennartz verfestigt und zeigt eine große Bandbreite an Einzel- und Gruppenausstellungen, sowie Tanz, Theater, Konzerte Talks und Symposien. Die Sammlung Philara feiert in 2026 ihr 10-jähriges Jubiläum.
Opening: Sumi Anjuman - Wounds Healed, Tales Etched | দাগ (2024)
Photo: Eva Berten, Philara Collection 2024
Schon seit Generationen gibt es in Ihrer Familie eine Begeisterung für Kunst. Wie hat das Ihr Verständnis von Kunst geprägt und wann begannen Sie selbst, gezielt zeitgenössische Kunst zu sammeln?
Ich habe mich zunächst nur peripher für Kunst interessiert. Aber natürlich war sie immer da und ich bin schon als Kind mit meinen Eltern auf Kunstmessen gewesen. Ich vermute, dass durch mein Elternhaus Kunst indirekt zu einem wesentlichen Bestandteil meines Lebens wurde. So ähnlich wie es vermutlich bei unseren eigenen Kindern ist. Nach meinem Studium habe ich zunächst zwei Jahre in Toronto gearbeitet und nach meiner Rückkehr nach Deutschland, fing ich an zu sammeln. Ich war damals 27 Jahre alt. Ernst wurde die Sache allerdings erst Anfang der neunziger Jahre, als ich mich in Leipzig selbstständig machte.
Ihre Sammlung umfasst heute über 2.000 Werke. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Kunstkauf und warum Sie sich damals genau für dieses Werk entschieden haben?
Ich erinnere mich noch ziemlich genau daran. Ich bin 1991 in Barcelona in einer kleinen Galerie gewesen und habe mich spontan für eine Arbeit von Miguel Ángel Campano begeistert. Sie hat umgerechnet 5.000 DM gekostet. Ich hatte einen alten zerknitterten Scheck in meinem Portmonee, den der Galerist zu meiner Überraschung anstandslos akzeptiert hat. Er hat mir das Bild eingepackt und mitgegeben. Tatsächlich ist Campaño heute ein ziemlich anerkannter spanischer Maler. Ich hatte also Anfängerglück.
Jonah Freeman & Justin Lowe – Artichoke Underground, 2016
Photo: Susanne Diesner, Philara Collection 2023
Viele Arbeiten stammen von jungen Künstler*innen, unter anderem aus dem Umfeld der Kunstakademie Düsseldorf. Wie wählen Sie Positionen aus, die Sie fördern? Und haben Sie in diesem Zusammenhang eine bestimmte Strategie beim Sammeln?
Ich verstehe nicht, warum man immer fördern sagt, wenn man Kunst von jungen Künstler*innen kauft. Man bekommt eine Gegenleistung, das ist das Kunstwerk. Fördern, bedeutet für mich Geld zu geben ohne eine Gegenleistung zu erhalten. Ich versuche bewusst nicht an der Akademie zu kaufen. Das habe ich nur zwei- oder dreimal gemacht. Ich bin der Auffassung, dass es den jungen Künstler*innenn selten gut tut, wenn man während des Studiums etwas von ihnen kauft. Wenn Sie ihren Abschluss gemacht haben, ist das etwas anderes. Daher kaufe ich lieber von Galerien. Das Auswahlkriterium ist stets das gleiche, egal welche Kunst ich kaufe, versuche ich, nach Qualität zu kaufen.
Sie sind ausgebildeter Betriebswirt und Immobilienentwickler: War die Verbindung von Raum, Architektur und Kunst von Anfang an Teil Ihrer Vision?
Ich hatte niemals eine Vision. Wenn man Philara sieht, können sich das viele nicht vorstellen, aber ich gehe tatsächlich ziemlich planlos durchs Leben. Ich wusste auch nicht wirklich, was mich erwarten würde, als ich das Projekt gestartet habe. Ich hatte halt diese Flächen gekauft und war es leid, immer nach Reisholz herauszufahren, wo wir schon seit acht Jahren einen Off-Space betrieben haben. Als wir Philara planten, gab es aber natürlich Vorstellungen zu der Verbindung von Architektur und Kunst. Wir wollten einen musealen Ort schaffen, der weder den Ursprung des Gebäudes verschleiert, noch überbetont.
Von den ersten öffentlichen Präsentationen 2008 bis zur Eröffnung in der Glasfabrik Lennarz 2016: Wie hat sich der Weg zur Sammlung Philara entwickelt und welche Geschichte steckt hinter dem Ort und dem Namen?
Als ich 2008 zum ersten Mal unter dem Namen der Sammlung eine Ausstellung machte, war das auf Inspiration von einem Freund, der auf der gleichen Etage ein Kunststipendium unter dem Namen Pilot Projekt vergab und für seine erste Stipendiatin eine Ausstellung am Ende ihres Aufenthalts organisiert hat. Ich hatte mir einen Raum auf der gleichen Etage in unserem Atelierhaus genommen, um für mich selbst die weiter wachsende Sammlung zu hängen. Einen anderen Raum im gleichen Objekt hatte ich kostenlos an die Stadt Düsseldorf gegeben (tue das eigentlich immer noch, aber ich bin mir nicht sicher, ob dort noch Ausstellungen ausgerichtet werden) und einen vierten Raum habe ich Künstler*innen aus dem Objekt überlassen, um dort parallel zu den anderen Präsentationen eine Ausstellung zu kuratieren. So kam es, dass wir 2008 vier Ausstellungen parallel im Gebäude auf der Walzwerkstraße in Reisholz eröffneten. Danach wuchs unsere Sammlung ständig weiter und im Jahr 2010 oder 2011 kaufte ich das Gelände auf der Birkenstraße und entwickelte irgendwann den Plan, dorthin umzuziehen.
Der Name Philara entstand jedoch schon um einiges früher. Es gab eine Ausstellung im Kunstpalast, die lokale Sammlungen zeigte. Sie hieß „Die Kunst zu sammeln“. Wir wurden damals gefragt, unter welchem Namen die von uns gezeigten Werke veröffentlicht werden sollten. Ich wollte ein Akronym, das sowohl zur Familie passte, als auch gleichzeitig nicht ganz so offensichtlich war. Unsere Kinder heißen Philip und Lara und gleichzeitig bedeutet Phil im Griechischen etwas zu lieben und ars im Lateinischen die Kunst. So wurde der Name Philara geboren.
Warum haben Sie sich entschieden, Ihre private Sammlung öffentlich zugänglich zu machen und das bewusst in Düsseldorf?
Dass wir Düsseldorf gewählt haben, ist eigentlich sehr verständlich. Wir leben hier und ich bin hier tätig. Ich habe nie die Notwendigkeit empfunden, ein Ausstellungshaus in Berlin oder anderswo zu eröffnen. Vielleicht wäre das anders gewesen, wenn wir in einer kleineren Stadt gewesen wären, die nicht so nah an der Kunst ist wie Düsseldorf. Aber Düsseldorf und die Kunst passen sehr gut zueinander. Aus meiner (zugegebenermaßen nicht ganz neutralen) Perspektive ist Düsseldorf eine der wichtigsten Städte der Welt, was die Kunst seit dem Zweiten Weltkrieg anbetrifft.
Dass diese Sammlung öffentlich zu sehen ist, ist eher das Ergebnis einer natürlichen Entwicklung, die auf der Walzwerkstraße ganz harmlos begann. Aber wenn man sich einmal dazu entschieden hat, einen Off-Room zu betreiben und später in ein größeres Haus zieht, wäre es seltsam, dies der Öffentlichkeit plötzlich vorzuenthalten.
Wolfgang Tillmanns, Isa, Riis Beach, Executed in 2015, printed in 2018
Photo: Sothebys London
Welche Rolle spielt die Sammlung Philara heute innerhalb der Düsseldorfer Kunstszene?
Philara feiert in diesem Jahr sein 10-Jähriges. Ich würde mir wünschen, dass wir als ein integraler Teil der Kunstszene in Düsseldorf gesehen werden. Ich kann diese Frage aber wirklich schlecht selbst beantworten. Das sollen bitte andere tun.
Sie sind stark in der Szene vernetzt, wie entscheidend sind persönliche Beziehungen im Kunstbetrieb wirklich?
Persönliche Beziehungen sind im Kunstbetrieb genauso wichtig wie in jedem anderen Beruf oder auch innerhalb anderer Kunstgattungen wie Musik oder auch im Sport.
Wie balancieren Sie in Ihrer Sammlung zwischen etablierten Positionen und Nachwuchskunst?
Ich versuche das gar nicht erst zu balancieren, sondern es ist ein Zufallsergebnis.
Welche Verantwortung tragen Sammler*innen Ihrer Meinung nach im heutigen Kunstmarkt?
Es geht nicht so sehr um die Verantwortung, die Sammler*innen an sich tragen, um den Kunstmarkt zu stützen, sondern es geht um etwas anderes. Eine Verantwortung zu übernehmen für das, was man mit der Kunst macht, die man bereits gekauft hat. Wichtig ist es, die Kunst nicht als Ware zu sehen, die man spekulativ kauft. Man muss vermeiden, Künstler*innen dadurch zu belasten, dass man zu preiswert zu viele ihrer Arbeiten gleichzeitig verkauft.
Also, was ich damit sagen will, ist, dass man nur für etwas, dass man bereits besitzt, eine Verantwortung trägt. Man hat keine Verantwortung dafür, neue Kunstwerke zu erwerben oder den Markt zu stützen.
Mit Blick in die Zukunft: Welche Herausforderungen sehen Sie für die Sammlerszene und welche drei Ratschläge würden Sie jemandem geben, der heute mit dem Sammeln anfangen möchte?
Für die Sammlerszene an sich sehe ich keine Herausforderungen. Für den Kunstmarkt dagegen einige. Ich glaube, dass die Zeiten leider wirtschaftlich schwieriger werden und so gerne ich Kunst mag und so essenziell ich sie für mein eigenes Leben empfinde, muss man doch ehrlicherweise sagen, dass Kunst ein Luxusprodukt ist, auf dass die meisten in schwierigen Zeiten vermutlich als erstes verzichten.
Die drei Ratschläge für angehende Sammler sind sehr einfach zu formulieren; gucken, gucken, gucken!
Portrait Gil Bronner
Photo: Susanne Diesner, Philara Collection 2024
GIL BRONNER
Sammler | Founder
Sammlung Philara
🌐 philara.de
✉️ info@philara.de
📷 Instagram: @sammlungphilara
Die Sammlung Philara feiert 2026 ihr 10-jähriges Jubiläum. Die ersten Ausstellungen zum Jubiläum HEIMSPIEL sowie echoes: Stefan Brüggemann finden vom 21.03. – 17.05.2026 statt.. Mehr Informationen zu ihrem Besuch finden Sie hier.