Menu

“Wir müssen uns für die Freiheit der Kunst einsetzen” – Prof Dr Susanne Gaensheimer im Gespräch

Prof Dr Susanne Gaensheimer ist seit 2017 Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und hat seither einen großen Einfluss auf die Düsseldorfer Kunstlandschaft bewiesen. Sie hat in dieser Zeit die Stadt mit neuen Positionen und Perspektiven eines internationaleren und vielfältigeren Spektrums von Künstler*innen bekannt gemacht.
In unserem neusten Interview mit der Direktorin, erläutert sie den Werdegang und die Bedeutung der aktuellsten Ausstellungen im K20 und K21 und geht auf die Herausforderung von Kulturinstitutionen ein, die sich innerhalb der letzten Jahre herauskristallisiert haben.

Prof. Dr. Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Foto: Andreas Endermann, 2020, © Kunstsammlung NRW.

Im K20 wird aktuell eine monografische Ausstellung von Marc Chagall in Kooperation mit der Albertina in Wien gezeigt. Welchen Fokus setzt diese Ausstellung auf Chagalls Lebenswerke?

Die Ausstellung zeigt rund 120 Werke aus allen Schaffensphasen Chagalls. Ein Schwerpunkt liegt auf den frühen Arbeiten, die zwischen 1910 und 1923 entstanden sind und die gesellschaftskritische und bisweilen dunkle Seite seines Werks vorstellen. Diese Ausstellung ist in ihrem Umfang epochal, weil wir hier in Düsseldorf die bedeutendsten Schlüsselwerke Chagalls durch internationale Leihgaben etwa vom MoMA, der Tate und dem Centre Pompidou zeigen können.

Wie kam es zu dieser Kooperation und dem Entscheidungsprozess Marc Chagall auszustellen?

Ausgangspunkt und Anlass der Ausstellung sind drei Gemälde von Marc Chagall, die vor dem Ersten Weltkrieg in Paris entstanden sind und sich im Besitz der Kunstsammlung befinden. Es handelt sich um die Arbeiten Selbstbildnis, 1909, Der Geigenspieler, 1911-1914, und Rabbiner mit Zitrone (Festtag), 1914; alle drei Gemälde dürfen zu den frühen Hauptwerken des Künstlers gezählt werden. Die Albertina kam auf uns zu, weil sie die Werke für ihre Chagall Ausstellung in Wien leihen wollte. So kam es zur Idee für eine gemeinsame Ausstellung.

Marc Chagall, Der Geiger, 1911, Le violoniste, Öl auf Leinwand, 94,5 × 69,5 cm, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf, © VG Bild-Kunst, Bonn 2024

Parallel ist bis zum 31.8.2025 im K21 die Ausstellung Bracha Lichtenberg Ettinger (BRACHA) zu sehen. Als erste deutsche Institution, die einen Überblick über BRACHAs Kunstwerke gibt: warum sind Ihre Werke besonders bedeutend? Wie spiegeln ihre Arbeiten den heutigen gesellschaftlichen Diskurs wider? 

Die Ausstellung hat für uns eine besondere Bedeutung, weil sie erstmals das Werk der in Tel Aviv geborenen Malerin, Psychoanalytikerin, Philosophin und Friedensaktivistin in Deutschland vorstellt. In ihren Ölgemälden verbindet BRACHA Psychoanalyse und Malerei, ein feministisches Neudenken von Identität und Geschlechterverhältnissen, radikale Verletzlichkeit und die Hoffnung auf eine friedlichen Umgang mit Konflikten und vererbten Traumata.

Ab dem 10. Mai eröffnet die Julie Mehretu Ausstellung im K21. Julie Mehretu bezieht sich in ihrer Kunst oft auf politische Konflikte und soziale Umbrüche. Wie gelingt es ihr, diese komplexen Themen in abstrakte Bildwelten zu übersetzen? Und was macht die physische Präsenz ihrer Werke im Ausstellungsraum so besonders?

Julie Mehretu ist mittlerweile ja ein Superstar in der zeitgenössischen Kunst. Im letzten Jahr hat sie mit großem Erfolg das BMW Art Car gestaltet. Die Ausstellung im K21 wird die Entwicklung ihres Werks von den Anfängen bis heute darstellen. Geprägt von ihrer eigenen Migrationserfahrung, setzte sich Mehretu von Anfang an in ihrer Kunst mit den Umbrüchen und Widersprüchen der Geschichte auseinander. Als Schwarze queere Malerin in einer sich rasant wandelnden, zunehmend globalisierten Welt geht es ihr in ihren Bildern stets darum, ihre eigene Position in Raum, Zeit und politischem Kontext zu reflektieren. Das wird in ihren großformatigen Malereien, die zum Teil multiperspektivisch im Raum hängen werden, sehr deutlich.

Bracha Lichtenberg Ettinger, Ausstellungsansicht, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 2025, Foto: Bozica Babic.

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen hat vor kurzem eine große Skulptur von Louise Bourgeois erworben. Was können wir über diese neu erworbene Skulptur erfahren? Wie wird die Skulptur in die bestehende Sammlung integriert? 

Ich bin 2017 als Direktorin der Kunstsammlung angetreten mit der Vision die Sammlung der Moderne weiterzudenken und durch gezielte Erwerbungen Lücken zu schließen. Dazu gehört vor allem, den Anteil von Werken bedeutender Künstlerinnen der Moderne in der Sammlung zu erhöhen. Louise Bourgeois zählt zu den prägendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, deren Installationen, Skulpturen und Textilarbeiten die moderne Kunst maßgeblich beeinflussten. Dass wir jetzt eines ihrer bedeutendsten Werke, die frühe Marmorskulptur Baroque (1970), für das Museum erwerben konnten, ist für mich eines der Highlights meiner Arbeit mit der Sammlung in den letzten Jahren.

Vor welchen Herausforderungen stellt die aktuelle politische Landschaft Kulturtinstitutionen?

Politisch und wirtschaftlich befindet sich Deutschland in einer Umbruchphase, das wirkt sich auch einschneidend auf die Kulturinstitute aus. Auch die Unsicherheiten und Spannungen in vielen Teilen der Welt wirken sich auf unsere Arbeit aus. Klar ist: Wir müssen die Kultur jetzt schützen und uns mit voller Überzeugung für die Freiheit der Kunst einsetzen.

Chagall, Ausstellungsansicht, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 2025, Foto: Achim Kukulies

Die aktuelle Kulturpolitik in Deutschland ist von Kürzungen der finanziellen Mittel geprägt. Wie wirkt sich dies auf die Arbeit und den Betrieb der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen aus? Inwiefern verändert sich die Art und Weise, wie Ausstellungen kuratiert werden müssen, wenn es weniger finanzielle Mittel gibt?

Auch die Kunstsammlung ist von den hohen Kostensteigerungen in vielen Bereichen betroffen und wir müssen bei der Planung unserer Ausstellungen ganz anders haushalten als früher. Aber wir werden vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Lands NRW in unserer Arbeit sehr unterstützt. Dieser Rückhalt ist die Grundlage unserer Arbeit. Dennoch müssen wir für unser Budget einen hohen Eigenanteil generieren. Daran arbeiten wir im Team mit Hochdruck, um auch weiterhin hervorragende Ausstellungen und unser vielseitiges Bildungsprogramm anbieten zu können.

 

Besuchen Sie die aktuellen Ausstellungen der Kunstsammlung NRW im K20 und K21.

K21 Bracha Lichtenberg Ettinger: 22.2. – 31.8.2025
K20 Chagall: 15.03. – 10.08.2025

Das K21 und K20 haben Dientags bis Sonntags und an ausgewählten Feiertagen von 11 – 18 Uhr geöffnet. An jedem ersten Mittwoch des Monats verlängert sich die Öffnungszeit bis 22 Uhr. Mehr Informationen finden Sie hier.

mehr lesen