Es gibt Momente, in denen sich die Realität verschiebt, zunächst kaum wahrnehmbar. Etwas gerät aus dem Gleichgewicht, und Gewissheiten, die lange als selbstverständlich galten, beginnen zu bröckeln. In diesem Zusammenhang beschreibt Zerbrechlichkeit keinen Ausnahmezustand, sondern vielmehr eine grundlegende Erfahrung der Gegenwart.
Fragile Realities versammelt künstlerische Praktiken, die sich genau mit dieser Verschiebung der Realität auseinandersetzen. Die Werke versuchen nicht, Krisen zu erklären oder eindeutige Antworten zu geben. Stattdessen setzen sich viele mit Fragilität über den Körper, über Materialien oder über Formen der Erinnerung auseinander. Stabilität erscheint selten als gegeben, sondern vielmehr als etwas, das ständig neu hergestellt werden muss.
Die Auswahl der teilnehmenden Galerien folgt einer bewussten kuratorischen Entscheidung: Es wurden ausschließlich Räume eingeladen, die von Galeristinnen gegründet wurden. Dieser Rahmen fungiert weniger als programmatisches Thema für den Sonderbereich, sondern vielmehr als strukturelle Perspektive. Er verlagert den Fokus auf die kuratorische Praxis sowie auf Netzwerke und Formen der Sichtbarkeit innerhalb des Kunstsystems.
Reiners Contemporary in Marbella präsentiert Raquel Algaba, deren künstlerisches Schaffen Geschichte als etwas Unvollendetes betrachtet. In Mythos entlang der Äste wird Erinnerung nicht rekonstruiert, sondern als fragile Formation offenbart. Der Mythos von Odysseus und den Lotophagen dient dabei als Ausgangspunkt. Das Vergessen erscheint nicht als ferne Erzählung, sondern als Zustand der Gegenwart. Algabas keramische Körper wirken verletzlich, gestützt von Strukturen, die sie zugleich halten und einengen.
Petra Martinetz zeigt Werke von Jody Korbach, die zeitgenössische deutsche Realitäten kritisch hinterfragen. Korbach interessiert sich für Konzepte wie Heimat, Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Ihre Bildsprache bedient sich oft der Ironie und greift Elemente der Popkultur und der alltäglichen visuellen Ästhetik auf, die sie dann unterläuft. Scheinbar unbeschwerte Settings eröffnen politische Dimensionen. Korbach fragt, wie Bilder soziale Ordnungen stabilisieren und wie sie diese gleichzeitig untergraben können.
Die Hamburger Galerie Lucia Kaufmann präsentiert Werke von Clara Lena Langenbach und Katherina Heil. Langenbach arbeitet mit dem Motiv der Wirbelsäule sowohl als anatomischer Realität als auch als Bild der Aufrichtigkeit. Ihre Arbeiten zeigen den Körper als etwas, das stabilisiert werden muss und gleichzeitig eingeschränkt ist. Katherina Heil nähert sich dem Thema über Material und Zeit. Stein, Druckgrafik und räumliche Installation treten in einen Dialog. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen geologischer Beständigkeit und medialer Oberfläche. Es entstehen Konstellationen, in denen Schwere und Leichtigkeit sowie Dauer und Augenblick aufeinandertreffen.
Nina Akhobadze und Sarah Ama Duah treten in der Roberta Keil Gallery in Wien in einen Dialog. Akhobadzes großformatige Gemälde verzichten auf klare Figuration. Farbe und Oberfläche bestimmen das Bild. Ihre Arbeiten entstehen aus einem physischen, intuitiven Prozess und wirken wie Momentaufnahmen eines fortlaufenden Geschehens. Sarah Ama Duah verbindet in ihrer Praxis Skulptur, Performance und objektbasierte Arbeit. Ihre Skulpturen werden zu Trägern von Erinnerung und Geschichte. In ihren Arbeiten erscheint Geschichte nicht als feststehende Erzählung, sondern als etwas, das ständig neu verhandelt wird.
Charlie Stein und Makiko Harris präsentieren ihre Werke in der Kristin Hjellegjerde Gallery. Steins Arbeiten setzen sich mit der Darstellung von Körpern in einer digital geprägten visuellen Kultur auseinander. Die Bilder untersuchen, wie Identität, Begehren und Verletzlichkeit in einer Welt entstehen, in der Körper zunehmend durch Filter, Bildschirme und digitale Ästhetik vermittelt werden. Makiko Harris’ Werke entstehen oft aus der Überlagerung verschiedener Materialien und Träger: bemalte Oberflächen treffen auf metallische Strukturen. So entstehen Bildräume, in denen Oberfläche und Material eine ebenso wichtige Rolle spielen wie das Motiv selbst. Harris interessiert sich besonders für Prozesse der Schöpfung und Überarbeitung.
Die Basler Galerie See You Next Tuesday zeigt Werke der Künstlerin Inka ter Haar. In ihrer Malerei entwickelt sie eine Bildsprache, die psychische Zustände, Erinnerungen und innere Figuren sichtbar macht. Persönliche Erfahrungen werden mit weiterreichenden sozialen Kontexten in Verbindung gebracht, wie patriarchalischen Strukturen, Gewalt, Umweltzerstörung oder Krieg. Ter Haars Arbeiten konzentrieren sich insbesondere auf die generationsübergreifende Weitergabe von Gewalterfahrungen.
In der DOD Gallery präsentiert die Künstlerin Jeehye Song Gemälde, die alltägliche Erfahrungen, Erinnerungen und innere Bilder miteinander verbinden. Ausgangspunkt für ihre Arbeiten sind oft persönliche Beobachtungen, Träume oder scheinbar gewöhnliche Situationen, die sie in poetische visuelle Räume verwandelt. Figuren tauchen in Innenräumen oder Landschaften auf, die zwischen Realität und Fantasie angesiedelt sind. Subtil surreale Details schaffen eine Atmosphäre stiller Unruhe. Songs Malerei untersucht, wie persönliche Erfahrung, Erinnerung und Vorstellungskraft in Bildern zusammenkommen.
Die Anahita Sadighi Gallery präsentiert eine künstlerische Position, die sich intensiv mit kulturellen Übergängen und historischen Schichten auseinandersetzt. In ihrem Programm verbindet die Berliner Galerie zeitgenössische Kunst mit historischen Artefakten und materiellen Spuren verschiedener Kulturen. Für Fragile Realities hat sie eine Präsentation entwickelt, in der antike Gefäße und historische Fotografien in Beziehung zur künstlerischen Praxis von Daniel Butcher gesetzt werden. Hier erscheint die Vergangenheit nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als etwas, das in der Gegenwart ständig neu interpretiert wird.
Viele der ausgestellten Werke bewegen sich zwischen Instabilität und Potenzial. Donna Haraway nennt dies „staying with the trouble“, also das Ausharren in Widersprüchen, anstatt nach schnellen Lösungen zu suchen. Auch die Werke in diesem Bereich erheben keinen Anspruch auf Stabilität. Sie zeigen, wie sich die Realität durch Brüche und Verschiebungen herausbildet. Fragile Realities ist daher weniger als These denn als offenes Feld konzipiert.
Verfasst von Pola van den Hövel, Kuratorin der Sektion FRAGILE REALITIES.